HANSZIMMER-ARCHIV "SPECIAL" / HAUSBESUCH BEI MEDIA VENTURES   


 

Mit Klaus Badelt auf Zeitreise
"hanszimmer-archiv.de" traf den Komponisten zum Interview in Los Angeles

Interview und Fotos von Dirk Hein


Die Credits lesen sich schon recht beeindruckend: 15 Filme in kürzester Zeit - eine stolze Bilanz. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Klaus Badelt vor fünf Jahren bei Media Ventures noch den Kaffee servierte und heute mit einer waschechten "Box Office Nummer 1" auf Zeitreise geht.

Doch schrauben wir die Uhr zurück zum Beginn einer "Tellerwäscher-Story", die vielleicht nur in der Traumfabrik Hollywood alltäglichen ist. Anfang der 90er Jahre komponierte Klaus Badelt noch in deutschen Studios. Nachdem er zunächst spielend diversen Video-Games seinen musischen Stempel aufdrückte, folgte schnell mit der TV-Filmmusik zu Peter Strohm ein kleiner Schritt in Richtung große Leinwand. Dieser wurde noch ein ganzes Stück größer, als er die Arrangements zu zwei Tatort Folgen übernahm. Trotz der ersten Erfolge kehrte er dem bundesdeutschen Filmbusiness den Rücken, setzte sich in den Flieger und landete prompt in Hans Zimmers Media Ventures Studio. Als "Hilfsarbeiter" komponierte er dort für Filme wie Pearl Harbor, Hannibal, Der Weg nach El Dorado oder Invincible - seine Melodien schallen mit Zimmerlautstärke in den CD-Playern der Cineasten.

"hanszimmer-archiv.de" traf Klaus Badelt kurz vor seiner Arbeit zu The Time Machine in L.A. - in dessen Composing Room gibt's zwar viel Technik, aber dafür nicht sonderlich viel Platz. Mittendrin klimpert Klaus' Assistent Ramin Djawadi bei einer Recording-Session mit der Gitarre. Zu dieser taucht dann auch Klaus Badelt auf, zwar mit einer Stunde Verspätung, aber dafür mit charmanter Entschuldigung. Ein Gespräch mit einem Werbekunden stand noch auf dem Programm. Heitor Pereira sei auch dabei gewesen, das könne dann schon mal etwas länger dauern.

Genauso wie im eigenen Raum in der Klangfabrik "Media Ventures", wo es keine Seltenheit sei, die Nächte zum Tag zu machen, wenn wieder eine Deadline, eine extrem kurze Abgabefrist im Nacken sitzt. Klaus' "Sorry" für die Wartezeit kommt vielleicht auch deshalb so prompt. Außerdem hält er für uns gleich eine Anekdote über sein zweites Zuhause bereit: "Hier, in diesem Raum, habe ich schon mit Lisa Gerrard die Gladiator-Sachen aufgenommen" - Also nehmen wir gerne Platz und wollen etwas mehr wissen.

 

Für viele junge Komponisten ist Media Ventures ein Traumziel. Bei dir hat es geklappt, kannst du uns etwas über die Entstehung erzählen?

Ich habe da wirklich Glück gehabt. Ich war in Los Angeles im Urlaub, wusste aber nicht wirklich, dass Hans Zimmer hier arbeitet und kannte bis dahin nur die Website. Hier habe ich seinen Assistenten getroffen und ihn dann interviewt und erzählt, was ich machen wollte. Daraufhin bestand dann die Chance, ein Praktikum zu machen, einfach mal unbezahlt reinzuschneien und zu schauen, wie in Hollywood gearbeitet wird. In Deutschland hört man ja sehr viel darüber - Sessions ohne Ende, alles ist super. Du hörst viele Geschichten, weißt aber gar nicht was stimmt. Ich habe dann ein wenig Mäuschen spielen können, und die haben mich letztendlich hier behalten. Kurzzeitig bin ich noch mal zurück nach Deutschland geflogen. Danach hat mich Hans aber direkt angesprochen und mir erzählt, dass er an "Projekt: Peacemaker" schreibt und hat mich gefragt, ob ich ihm dabei helfen könnte. Ich habe dann erstmal ein paar Tage die Küche geputzt und den Kaffee serviert. Doch dann ging es relativ schnell plötzlich zur Musik.

Gibt es so was etwa auch: Vom Tellerwäscher zum Komponisten ?

Vielleicht. Ich habe hier zu Beginn zunächst als Praktikant angefangen. In Deutschland habe ich Sachen gemacht wie "Tatort" ...

... "Peter Strohm".

Genau. Und wenn ich das den Leuten in Deutschland erzähle, sind die immer begeistert. Hier kennt die Serien ja keiner.

Es hat dir als Referenz in Amerika also nichts genutzt?

Überhaupt nicht. Ich hatte aber auch nicht die Einstellung: "Seht mal, ich bin schon was, gebt mir einen Raum", sondern "Ich kann eigentlich gar nichts, möchte aber alles lernen was ihr hier macht." Und deswegen habe ich hier wirklich erst die Aschenbecher ausgeleert. Aber Hans wollte im Prinzip nicht, dass ich das alles mache und den normalen Gang gehe. Er hat mich dann herausgefischt und sofort in seinen Raum gesteckt und hat mich dann einige Sachen machen lassen.

Hast du zunächst mit Assistentzstätigkeit weitergemacht ...

Er wollte mich eigentlich nie als Assistenten, sondern immer als Komponist sehen. Ich habe ein Jahr bei Media Ventures verschiedene Dinge gemacht und zum Beispiel "Der Eisbär" mit Henning Lohner geschrieben. Bis Hans dann gefragt hat, ob ich bei "Prince of Egypt" und später richtig bei "The Thin Red Line" helfen könnte. An "The Thin Red Line" hat er ein Jahr geschrieben, und die letzten sieben Monate bin ich dazu gekommen.

Ich glaube, dabei sind über zwölf Stunden Musik zusammen gekommen ...

Und das als erstes Projekt. Das war für mich irgendwie ganz merkwürdig, weil ich ja gar nicht wusste, was hier normal ist. Alle sagten dann aber, dass es das Schlimmste sei was sie bisher so erlebt hatten. (lacht) Wenn du da durchkommst, dann kommst du überall durch.

Was war bei "The Thin Red Line" denn genau deine Aufgabe?

Ich hatte meinen eigenen Raum hier. Wir hatten insgesamt zwei Studios, und ich habe orchestriert und arrangiert. Viele Tunes waren alte amerikanische Hymnen oder Choräle von den Salomon Islands, und die habe ich dann orchestriert. Wir haben während des gesamten Projektes sehr viel angeboten, jede Szene wurde praktisch 17 mal umgeschrieben. Wir haben alleine mit dem Orchester sechs Stunden Musik aufgenommen. Der Regisseur wollte sich nie entscheiden, zu keinem Zeitpunkt, und es blieb alles sehr lange offen. Außerdem habe ich viele von Hans' Themen abgewandelt, arrangiert und orchestriert.

Es sind gleich zwei CDs erschienen, Chor und Score ...

Auf der Score CD ist zum Beispiel die Nummer drauf, wo der Chor zum Orchester singt. Und die haben ja nie zu einem Orchester gesungen. Viele Recordings von den Salomon Islands habe ich dann genommen und verbogen, so dass das Orchester dann dazu spielen konnte. Die konnten dann aber den Ton nicht halten. Das war alles nicht einfach, hat aber umso mehr Spaß gemacht.

Wenn du die Arbeit hier in Hollywood mit der in Deutschland vergleichst, worin bestehen da für dich die größten Unterschiede?

Im Grunde genommen kann man es gar nicht vergleichen. Wenn ich mal sehr kritisch sein darf: Vielleicht sind die Leute hier versierter, weil sie permanent an sich arbeiten und keiner sagt: „Das ist aber ganz toll, was wir hier machen.“ Hier wird wirklich sehr hart bis zum letzten Moment an Produkten gearbeitet, und es wird viel intensiver damit umgegangen. Zum Beispiel, wenn in Deutschland an einem Tatort zwei Tage gemischt wird, mischen die hier vier Wochen. Ist natürlich auch eine Budget-Sache, aber es ist ein gutes Beispiel um zu zeigen, inwieweit erkannt wird, wie wichtig Musik ist. Ich habe das Gefühl, in Deutschland ist das ganze eher ein Nebenprodukt.

Meinst du, ein Karrierestart wie bei dir, wäre in Deutschland in dieser Form nicht möglich gewesen?

In Deutschland erkennt eigentlich kaum einer, was Qualität ist. Hans sagte mal: "Wäre ich noch in Deutschland, würde keiner mich kennen." In Deutschland hast du eigentlich wirklich die besten Chancen, wenn du mittelmäßig bist. Du bist nicht zu schlecht und eckst nirgends an. Bist gleichzeitig auch nicht zu gut, so dass du mehr Zeit brauchst. Ich hatte so das Gefühl, dass die Sache oft nur nach Hause gefahren wird. Die Mentalität in Deutschland ist eigentlich die, dass du dich erst beweisen musst und dann werden die Türen geöffnet - hier ist das Gegenteil der Fall.

... du kannst dich profilieren und dann schaffst du es oder halt nicht.

Genau, die Einstellung ist einfach eine andere. Aber das reicht halt vom Supermarktangestellten bis zum Filmproduzenten.

Wäre es für dich denkbar, noch einmal fürs deutsche Fernsehen zu arbeiten?

Ich denke nicht, dass alles schlecht ist in Deutschland. Es gibt sehr viele ambitionierte Projekte. Es wäre natürlich klasse, wenn sich da etwas finden würde. Nur sollten diese Sachen reizvoll sein: jung, frisch oder etwas spezielles, das würde ich schon gerne machen. Ich habe hier in den Staaten auch viele Independent- Sachen gemacht - Filme, wo keine Kohle drinsteckt. Sehr ambitionierte Sachen und gleichzeitig keine Kunst, die keiner versteht. Das ist in Deutschland das andere Extreme - es gibt keine Kinokultur. Nur eine Kulturkultur, und die ist gleich sehr akademisch.

 

Weiter mit Teil 2

 


 

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